Gedanken und Eindrücke als Pilger des Steigerwälder Jakobsweges

- von Angela Schwab, Burgebrach -

Am Samstag, den 02.01.2010 um 04:45 Uhr ging es endlich los. Start: Jakobskirche Bamberg.

In der Nacht hatte es etwas geschneit. Alles war gezuckert. Die Temperatur, etwa 0° C war zum Laufen gerade richtig, denn der erste Kilometer ging steil den Jakobsberg hoch und da wurde es einem schon etwas warm. Gott sei Dank hatten wir unsere Bergschuhe an, die wasserdicht und schön warm waren.
Unsere Strecke führte uns zum Fuß der Altenburg und dann weiter nach Wildensorg. Durchschnittsgeschwindigkeit 6-7 km/h. Nach Hartlanden - endlich ging es in den Wald hinein. Es ist die kürzeste Verbindung nach Grasmannsdorf. An den Gänsen vorbei, die sich dort an der kleinen Kirche befanden, ging es über die Brücke mit den 7 Brückenheiligen, weiter nach Burgebrach. Zeit: 2:06 Stunden, eine sehr gute Zeit. Wir rechneten uns schon aus, wann und in wie vielen Stunden wir in Scheinfeld eintreffen würden, denn dort sollte unser Tagesziel sein.

Durch Burgebrach - früh um 6:45 Uhr. Alles wirkte friedlich und ruhig. Auf der Dippacher Höhe wurde uns dann die Euphorie genommen, denn dort lag doppelt wenn nicht dreimal soviel Schnee wie in Bamberg und man kam nur müheselig voran. Nach Dippach ging es dann durch den Wald Richtung Bernroth. Der Weg dorthin war jetzt im Nachhinein gesehen, der wohl schlechteste des ganzen Jakobswegs, aber egal, wir hatten ja wasserdichte Schuhe und ich liebe Matsch und Dreck. An der Kreuzung Burgwindheim - Schlüsselfeld - Burgebrach fehlte promt auch noch die Wegmarkierung, die Jakobsmuschel. Von Burgebrach bis hierher war der Weg sehr gut mit Jakobszeichen - hier waren  es gelbe Muscheln auf blauem Hintergrund - ausgeschildert. Herr Oskar Heider, der „Vater“ des  Steigerwälder Jakobswegs  hat sich hier sehr engagiert und ganze Arbeit geleistet. Zu unserem Vorteil kam, dass wir ortskundig waren und wußten, wo es nun lang gehen musste.

So erreichten wir Schlüsselfeld. Wir passierten den schönen Johannesbrunnen, die Krippe der heiligen Familie und gingen durch das alte Stadttor weiter über Fürstenfort nach Burghaslach. Eine Aussichtsplattform für ein Biotop, schön gebaut und mit Bänken, lud uns nun zu einer Rast ein. Nach einer Stärkung ging es über Oberrimbach nach Unterrimbach mit seiner imposanten Kirche - eine Kirche die man nicht jeden Tag sieht - weiter nach Rosenbirkach, direkt in den Gasthof "Grüner  Baum". Die Wirtin hier, sie schien froh um jeden Wanderer zu sein, versorgte uns sofort mit Tee und Kuchen.

Auf, weiter ging es über Stock und Stein, die letzten Kilometer nach Scheinfeld, immer gerade aus, über die Einsiedelei wieder in den Wald hinein. Unmittelbar vor Scheinfeld ging es nochmal bergab. Steile Treppenstufen  führten uns direkt zum Schloss Schwarzenberg. Hier endete unsere erste Etappe nach 11 1/2 Stunden Gehzeit und gelaufenen 52 Kilometern. Essen — Trinken — Ausruhen — Schlafen.

Am nächsten Morgen um fünf Uhr klingelte der Wecker und es ging weiter, mit leerem Magen, bei Nacht und Schnee, Richtung Markt Bibart. Dort angekommen fehlte leider wieder die Wegmarkierung. Aber Gott sei Dank waren wir auch hier schon früher einmal gewesen und kannten so den Weg Richtung Iffigheimer Berg. Denn an einem Janaursonntag früh um 6.00 Uhr fand sich keine Menschenseele auf der Straße, die man so einfach nach dem Weg fragen hätte fragen können. Am Aussichtsturm vorbei folgten wir nun dem „Roten Löffelweg".

Spätestens jetzt war die Anstrengung vom Vortag verschwunden. Man hatte wieder den richtigen Tritt gefunden, der einem so von Ortschaft zu Ortschaft bzw. von einem Wald zum nächsten Wald voran trieb. Es ging nun Richtung Weigenheim. Die Landschaft hier, mit seinen vielen Wachholderbüschen, Efeu und den mit Flechten bewachsenen Bäumen, faszinierte mich als Floristin besonders.

In Weigenheim angekommen, hatten wir dann doch noch einem Einheimischen getroffen und mit ihm ein wenig  "geplaudert". Er war über unser Vorhaben erstaunt, den Jakobsweg von Bamberg nach Rothenburg in zwei Tagen bewältigen zu wollen. Dies hatte seiner Meinung nach noch keiner vor uns versucht. Er wünschte uns noch einen guten Weg. Und der führte uns nach Uffenheim - leider mit einem Umweg von ca. 2 Kilometern -, denn es fehlte wieder ein Muschelzeichen an einer Wegkreuzung. In Uffenheim angekommen, machten wir dann Rast in der Cafeteria des Krankenhauses. Heiße Getränke aus dem Automaten, bequeme Stühle und ein Dach über dem Kopf empfanden wir auf unserem Weg nun als richtigen Luxus. Gestärkt ging es dann weiter durch die tiefverschneite Landschaft nach Custenlohr. Hier haben wir uns dann hoffnungslos verlaufen. Keine Muscheln, kein Zeichen, kein Schild nach Endsee, welches eigentlich unser nächstes Ziel sein sollte. Mittlerweile war es schon etwas dunkel geworden. Gut dass wir unsere Stirnlampen dabei hatten, denn wir mussten nun auf der Landstraße - bei starkem Schneefall - Richtung Rothenburg laufen. Kein Mensch war zu sehen und bis wir wieder wussten wo wir waren, vergingen ganze vier Stunden.

Endlich wieder auf dem richtigen Weg angekommen, führte uns dieser nun über Guggendorf in eine Schlucht hinein. Es folgte der schönste Abschnitt des Jakobswegs.  In der Schlucht angekommen - sie sah im Dunkeln richtig gespenstisch aus - ging es über bestimmt zehn Brücklein. Dieser Abschnitt versetzte einen in eine andere Zeit, er war so richtig schön - etwas für die Seele. Aus der Schlucht heraus brachte uns der Weg in den wunderschönen Ort Steinach, ein kleines romantisches Nest an der Tauber. Am Horizont konnte man nun die Lichter von Rothenburg, mit seinen mächtigen Außenmauern und Türmen erblicken.
Der Weg hatte für uns noch ein kleines Extra vorbereit. Vier Kilometer mussten wir noch entlang der romantischen Straße laufen, bis endlich der Weg steil nach oben zum Eingangstor der Stadt führte. Die Silhouette, die wir nun vorfanden war kaum zu beschreiben. Unsere Gefühle lagen zwischen tief beeindruckt bis überwältigend schön.

Nachts, kurz vor 21.00 Uhr, kein Mensch unterwegs, starker Schneefall peitsche in unsere Gesichter, dicke alte Mauern mit aufgetürmtem Schnee, eingehüllt in orangenes Licht. An der rechten Seite ein schauriger aber wunderschöner uralter Friedhof mit einem rostigen Eisentor und vor uns das Ziel greifbar nah. Nur noch ein paar hundert Meter und wir hatten es geschafft, die Jakobuskirche vor unserer Nase. Klassische Musik drang an unsere Ohren, dann nur noch einige Stufen hoch zur Eingangstür - verschlossen!!!

"Oh Mann, da laufen wir 120 Kilometer und die Kirche ist zu". Da kamen in uns so manche unterdrückten Gefühle hoch, doch wir umarmten uns und weinten vor Glück, dass wir es geschafft hatten, in 27 1/2  Stunden, ohne Verletzungen und Plessuren. Am nächsten Tag besuchten wir dann die Jakobuskirche und zündeten aus Dankbarkeit Kerzen an. 

Es war ein Weg, der mich zu meinem Inneren zurückgeführt hat.